Sehr häufig wird zum Thema „Grenzen“ die Frage oder besser der Glaube bzw. das Statement

  • „Mein Kind testet ständig seine Grenzen“
  • „Da muss man konsequent bleiben und darf nicht nachgeben, sonst hab ich verloren“
  • „Wir müssen dabei klären, wer hier der Boss ist“ 

an mich herangetragen. Genau deshalb möchte ich in diesem Artikel diese Sichtweise, diese Situationen bzw. das Thema „Grenzen austesten“ etwas ausführlicher kommentieren.

Grenzen testen

1. Um welche Grenzen geht es dabei eigentlich

Wie du vermutlich schon weißt gibt es ja verschiedene Arten von Grenzen. Zum Einen die allgemeinen und zum anderen die persönlichen Grenzen. Kurz gesagt unterscheiden sie sich folgendermaßen:

Allgemeine Grenzen

Diese tauchen in den gängigen Alltagssituationen überwiegend auf und führen auch häufig zu den oben genannten Fragen und Feststellungen.
Wenn dein Kind zum Beispiel etwas macht, was dir oder deinem Partner in dem Moment nicht gefällt, dann ist die gängige Reaktion darauf zu sagen „Das macht man nicht“, „Das tut man nicht“ oder „Hör auf, so geht das nicht“.

Doch damit können Kinder in der Regel schwer umgehen und sie werden sich vermutlich auch nicht lange daran halten bzw. dich in der nächsten Situation mit etwas ähnlichem scheinbar wieder herausfordern. Doch fordert es dich wirklich heraus? Um dich zu ärgern oder um Machtverhältnisse zu klären?

Wohl eher kaum, auch wenn es dir in dieser Situation vielleicht so vorkommen mag. Dein Kind will einfach nur DICH sehen – dich als eigenständige Person – dich mit DEINEN PERSÖNLICHEN Grenzen.
Es merkt nämlich ganz genau, wenn deine Antworten oder Aufforderungen („Das tut man nicht“) nur vorgeschoben sind, weil es einfacher ist. Damit schiebst du nämlich einen Teil der Verantwortung ein kleines Stück von dir weg. Und du musst dich dadurch auch nicht selbst hinterfragen oder erklären (deine tatsächlichen Beweggründe).

Persönliche Grenzen

Persönliche Grenzen dagegen sind eben individuell; sie sagen etwas über dich aus, über deine Werte, deine Person, deine Beweggründe und deine Gedanken. Und damit können Kinder wesentlich besser umgehen und kooperieren.

Doch um deine persönliche Grenzen nach außen zeigen zu können, musst du sie dir erst einmal bewusst machen. Schau deshalb hin und frag dich, was für dich ok ist, obwohl es für andere oder die Gesellschaft nicht ok ist und frag dich auch, was für dich persönlich zuviel ist und warum (z.B. weil es gegen deine Werte verstößt oder gegen dein Gefühl).

Mach dir das für dich selbst klar.

Schon Babys können ihre persönlichen Grenzen wunderbar deutlich machen, indem sie z.B. ihren Kopf wegdrehen, wenn sie überfordert sind und Ruhe brauchen.

2. Die persönlichen Grenzen dann auch aussprechen bzw. zeigen

Da dein Kind in diesen herausfordernden Situationen DICH sehen will, ist es wichtig, dass du auch eine persönliche Sprache nutzt, wenn du deine Grenze deutlich machst.
Zum Beispiel statt „Hör jetzt auf“ oder „Mama möchte, dass du aufhörst“ lieber konkret von dir sprechen; so etwas wie „Ich will, dass du deiner Schwester noch 15 Minuten Zeit und Ruhe gibst, denn es ist mir wichtig, dass sie mir beim Vorlesen gut zuhören kann/ihre Hausaufgaben konzentriert erledigen kann“.

Letztere Aussagen sind wesentlich klarer und dein Kind weiß, was du willst und warum; es kann leichter mit dir kooperieren, da du es nicht beschuldigst oder falsch machst. Es kann dein Nein bzw. deine Aufforderung besser verstehen und nachvollziehen, weil ihm so klar ist warum du etwas willst bzw. sagst und dass dir das wichtig ist.

Natürlich wird dein Kind deine persönlichen Grenzen nicht immer freudestrahlend annehmen, es kann auch wütend darüber werden oder frustriert. Vielleicht stampft es auf den Boden oder sagt, dass es dich jetzt nicht mehr mag oder du doof bist. Doch das ist ok; es bedeutet nämlich nicht, dass es sich nicht daran halten will oder wird, sondern macht lediglich seine Gefühle deutlich.

Und genau hier kommen viele Mamas in ein Dilemma. Vielleicht kennst du das auch. Denn schließlich soll das Kind doch auf keinen Fall unglücklich oder traurig sein. Das ist natürlich verständlich und jeder will gerne dass sein Kind glücklich und fröhlich ist und keine schlechten Erfahrungen macht; und eine doofe Mama willst du vermutlich auch nicht sein.
Doch das geht nicht immer, denn alle Emotionen, auch die scheinbar negativen, gehören zum Leben dazu. Und desto früher dein Kind den richtigen Umgang damit lernt, indem es eben auch seine negativen Gefühle zeigen darf (vgl. dazu auch gerne folgenden Artikel Klick), desto besser für die kommenden Jahre.

Das heißt also du darfst es auch ruhig mal aushalten, dass dein Kind dich für ein paar Stunden nicht mag, doof findet oder wütend ist. Das ist vielleicht nicht immer so schön, aber es gehört dazu.

3. Wie sieht´s denn mit deinen Gefühlen aus?

Auch du darfst und sollst deine Gefühle zeigen, denn

  • du musst nicht perfekt sein, immer sicher oder das Pokerface parat haben
  • dein Kind mag es zu sehen, dass auch du nicht perfekt bist
  • dein Kind kann es ganz gut aushalten, wenn du einen schlechten Tag hast und nicht so gut drauf bist (was natürlich nicht der Normalzustand sein sollte  – wenn doch, dann können wir uns gerne mal unterhalten – Klarheitgespräch)

4. Was noch wichtig ist

Dein Kind will dich mit deine persönlichen Grenzen kennenlernen und diese auch akzeptieren, doch damit das funktionieren kann, musst du erst einmal selbst deine persönlichen Grenzen kennen und diese auch nach außen kommunizieren (Wie oft sagst du z.B. ja obwohl du eigentlich nein sagen willst – lies dazu auch gerne hier)?

Die Voraussetzungen, damit du das in deinem Familienleben umsetzen kannst sind:

  • Finde heraus was dir wichtig ist und warum und leite daraus deine persönlichen Grenzen ab
  • Erkenne auch die persönlichen Grenzen (und Bedürfnisse) deines Kindes und halte sie ein
  • Poche also nicht nur auf die Einhaltung deiner Grenzen, sondern gestehe sie auch deinem Kind zu (z.B. bei Jugendlichen die Privatsphäre, oder allgemein beim Thema „essen“)
  • Erinnere dich daran, dass du die Erwachsene bist, d.h. du solltest dein Kind dabei unterstützen die eigenen persönlichen Grenzen zu erkennen und auch deren Einhaltung einzufordern, v.a. gegenüber dritten Personen. Zum Beispiel wenn dein Baby den Kopf wegdreht, bei dir bleiben will, weil es nicht mehr von Tante, Onkel, Bekannten getragen werden möchte. Oder wenn dein Kind der netten Tante oder dem netten Onkel kein Küsschen geben möchte; sorg du dafür, dass es das sagen darf und dass dies akzeptiert wird (ohne emotionale Erpressung u.ä.)

Integrität des Kindes – darum ist es so wichtig sie zu wahren

5. Vorteile, wenn eure persönlichen Grenzen klar sind

Wenn es euch gelingt, dass ihr eure persönlichen Grenzen kennt, äußert und achtet, dann wirkt sich das sehr positiv auf euer Familienleben aus:

  • Es ist dann für dein Kind ok, wenn du auch mal „nein“ sagst
  • Es fällt deinem Kind viel leichter dein nein zu akzeptieren und sich daran zu halten (wenn es auch nicht unbedingt ein Lächeln auf dem Gesicht hat)
  • Strafen und Konsequenzen erübrigen sich dann

Es ist nämlich so, dass dein Kind durchaus mit dir als Elternteil kooperieren will, doch gleichzeitig möchte es auch als eigenständiges Wesen anerkannt werden. Und es möchte dich als Person mit deinen persönlichen Grenzen sehen und erleben und nicht als Nörgler mit unpersönlichen Regeln und Grenzen, die ihm einfach vor die Nase gesetzt werden.

6. Zusammenfassung und Tipps

Um dir selber also klar darüber zu werden, was deine persönlichen Grenzen sind, schau dir deine Werte ganz genau an. Prüfe für dich welche Dinge du von deinem Kind einforderst, weil du sie von der Allgemeinheit übernommen hast, die dir persönlich aber gar nicht so wichtig sind.
Notiere dir dann deine persönlichen Grenzen und stelle evtl. noch 2-3 besonders wichtige Familienregeln auf (mit deinem Kind und Partner  zusammen), an die sich auch wirklich alle halten sollen (z.B. keine Schimpfwörter, täglich 15 Minuten Zeit nur für dich, in der dich niemand stört usw.)

Das, was dir nicht wichtig ist oder egal kannst du getrost streichen. Denn wenn du dir das Unwichtige, nicht zu euch Passende bewusst gemacht hast, dann musst du auch nicht auf deren Einhaltung pochen und so erübrigen sich viele unnötige Konflikte.

Und vergiß bitte nicht, bei all dem Wunsch nach Harmonie, dass dein Kind an deine persönlichen Grenzen stoßen muss:

  • es muss sie hinterfragen, um sich selbst kennenzulernen und eigenständig zu werden
  • es muss sich an jemandem reiben; und dass es das v.a. zuhause macht liegt daran, dass es sich hier sicher fühlt
  • es will dich und deine persönlichen Grenzen erkennen und dazu muss es an diese stoßen dürfen
  • um sie dann im nächsten Schritt (ob nun widerwillig oder gelassen – hängt von der Grenze und Situation ab) achten zu können

Nur so kann es dann allmählich auch die eigenen persönlichen Grenzen erkennen, selbst darauf achten und diese auch nach außen kommunizieren. Und das ist es doch auch, was wir uns für unsere Kinder am meisten wünschen, oder?

Kleiner Exkurs zum Kleinkind-Nein

Im Kleinkindalter ist das Wort „nein“ ja sehr, sehr beliebt und fordert viele Mütter stark heraus und verunsichert sie teilweise auch. Doch dieses „nein“ ist ein wichtiger Entwicklungsschritt, dein Kind erkennt sich als eigenständige Person mit einem eigenständigen Willen. Mit seinem häufigen „nein“ macht es dich darauf aufmerksam, dass es einen eigenen Willen besitzt und das ist gut so (wenn auch manchmal sehr anstrengend).
Doch wenn du dich hier auf einen Machtkampf einlässt, dann bringt euch das überhaupt nicht weiter – ganz im Gegenteil.

Versuch beim nächsten Mal (wenn du dein Kind z.B. für den Kindergarten anziehen willst, es aber „nein“ sagt) einfach ein bisschen abzuwarten und schau was passiert.
Denn oft will dein Kind nur sein „nein“ äußern dürfen und sehen, dass du es gehört hast und akzeptierst. Wenn du ihm das rückmeldest (also, dass du siehst, dass es jetzt nicht will/nein gesagt hat/usw.), ihm auch sagst, dass du das verstehen kannst und dann ein paar Minuten wartest, ist es nicht selten, dass später beim erneuten Hinweis/Aufforderung/Versuch dein Kind problemlos mitmacht.
Doch das nur kurz am Rande.

Lass dir meine Gedanken zu diesem Thema gerne mal durch den Kopf gehen und schau, was davon du für dich annehmen kannst oder was du umsetzen möchtest.
und vor allem genieße die Zeit mit deinem Kind!

Sehr gerne unterstütze ich dich auf deinem Weg zu einem entspannten Familienleben und mehr Gelassenheit im Umgang mit deinem Kind. Informiere dich gerne hier über meine Beratungsangebote, lass uns miteinander im Klarheitgespräch sprechen oder abonniere meinen Newsletter!

 

Liebe Grüße

 

 

 

PS:
Hättest du gerne mehr Tipps von mir, wie du entspannt und gelassen erziehen, dein Mama-Sein richtig genießen UND die Bedürfnisse deines Kindes erkennen kannst?

Dann lade ich dich sehr gerne zum kostenlosen Coaching in meine facebook-Gruppe „Entspannte Erziehung – Entspanntes Mama-Sein“ ein.

Hier unterstütze ich Mamas dabei ihr Familienleben mit Leichtigkeit und Freude zu gestalten, eine positive Beziehung zu ihrem Kind aufzubauen, gelassener zu werden und sich selbst persönlich weiterzuentwickeln.

Ich freu mich auf dich! 

Warum dein Kind Grenzen testet
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