Seit einigen Jahren wird (zum Glück) von vielen Seiten darauf hingewiesen wie wichtig es ist, in der Erziehung, im Familienleben und auch in Institutionen, die Integrität der Kinder zu wahren. Immer mehr Eltern und Erzieher haben sich mit den alten  und traditionellen Erziehungskonzepten nicht mehr identifizieren können, spürten, dass es irgendwie unstimmig ist und fühlten sich unwohl dabei. Irgendwie wurde immer klarer, dass es kein statisches, allgemeingültiges Rezept zur Erziehung geben kann.

Da mir in meinen Beratungen häufig die Frage gestellt wird, was Integrität eigentlich bedeutet und wieso es so essentiell wichtig ist sie zu wahren, möchte ich dir in diesem Artikel mehr darüber erzählen.

Was ist Integrität eigentlich?

Einfach gesagt ist kindliche Integrität ein Sammelbegriff „für die psychische und physische Existenz des Kindes; also für seine Selbstständigkeit, Grenzen, Unverletzbarkeit, Eigenart, „Ich“-Identität.“ (Jesper Juul, Das kompetente Kind, 2007, Hamburg, S.55)

Im Alltag zuhause, in der Schule, im Sportverein usw. wird diese aber immer wieder von Erwachsenen verletzt. Dies war einfach bis vor einigen Jahren gängige Praxis und anerkannt, da es ja fast alle Eltern so handhabten.

Es gibt 3 Formen der Verletzung von Integrität

  • nicht akzeptierte Verletzungen, wie z.B. Gewaltanwendungen, sexueller Mißbrauch und Vernachlässigung
  • akzeptierte Verletzungen; damit ist vieles gemeint, was landläufig als „gute“ oder „notwendige“ Erziehung gilt (Strafe, Schimpfen, Hausarrest)
  • ideologische Verletzungen, also erzwungene politische oder religiöse Gleichmachung

 

„Man kann Kindern nicht beibringen sich besser zu benehmen, indem man sie dazu bringt sich schlecht zu fühlen. Wenn Kinder sich besser fühlen, dann benehmen sie sich auch besser.“

Pam Leo

 

Wie äußern sich diese Verletzungen

Eltern und Lehrer glaubten bzw. glauben teilweise immer noch, dass man ein Kind erst „passend und gut“ machen müsste, ihm sagen müsse wie „falsch“ es sei, damit es dann „richtig“ werden würde.

doch genau das kränkt die Integrität eines Kindes

Kinder versuchen diese Verletzung dann durch Weinen, Anspannen des Körpers oder Blick senken auszudrücken. Vielleicht versuchen sie sogar mit Worten darauf aufmerksam zu machen, werden dann aber sofort ermahnt still zu sein oder aber ihr Rückzug wird als Trotz gedeutet.

Dem Kind wird dadurch vermittelt, dass es sehr wichtig ist allgemeingültige Anstandregeln einzuhalten und diese zu lernen und nicht wichtig, ob es dadurch verletzt wird.

„Dieses ganz alltägliche  Phänomen ist eine grobe Verletzung/Kränkung der Integrität des Kindes  mit lebenslangen Konsequenzejn, und zwar nicht nur für die zukünftige Lebensqualität des Kindes, sondern auch für die Qualität des weiteren Verhältnisses zwischen Eltern und Kind.“

Jesper Juul, 2007, S. 58

Warum dachten und denken immer noch viele Eltern, dass dies funktionieren würde?

Der Grund dafür ist, dass Kinder immer mit ihren Eltern kooperieren wollen (mehr dazu klick), selbst bei groben Verletzungen der Integrität.

Beispiel:

Ein Junge, der eine Ohrfeige bekommen hat oder ein Mädchen, dass als Strafe ohne Abendessen auf sein Zimmer geschickt wird, spielt am nächsten Tag trotzdem mit seinem Vater im Garten oder hilft im Haus mit

  • er/sie ist nicht wütend auf seine Eltern
  • er/sie sieht sie auch nicht kritischer als vorher
  • er/sie liebt sie weiterhin unvoreingenommen

ABER

  • er/sie hat ein bisschen mehr an Selbstvertrauen verloren
  • er/sie ist ein bisschen weniger so wie er selbst, aber dafür ein bisschen mehr so wie seine Eltern ihn wollen
  • er/sie will so sein, wie sie ihn haben wollen, denn er ist überzeugt, dass sie richtig sind und er falsch

Oberflächlich betrachtet haben diese Erziehungsmaßnahmen also Erfolg, aber um welchen Preis? Gewalt (nicht nur körperliche) darf nicht legitimiert werden, weil sie zum erwünschten Ziel führt. Wenn eine der beiden Seiten ihre Integrität dafür opfern muss, dann ist der Preis viel zu hoch.

Was passiert jetzt genau, wenn ein Kind seine Integrität opfert?

Wenn Erwachsene die Integrität eines Kindes immer wieder verletzen, dann wird der Schmerz des Kindes immer größer. Das Kind verdrängt den Schmerz vielleicht anfangs sogar erfolgreich, so dass das Umfeld nichts davon merkt.

Irgendwann aber ist es zuviel und es werden Signale ausgesendet; entweder verbal oder nonverbal. Das Kind hört vielleicht einfach nicht mehr zu, wirkt störrisch oder lügt und den Eltern wird klar, dass da irgendetwas nicht stimmt. Meistens ist dann auch sehr schnell klar, was nicht stimmt – nämlich das Kind.

Jetzt gibt es 2 Möglichkeiten:

  1. Die Eltern bzw. Erwachsenen erkennen das Signal des Kindes, ergründen und verstehen was dahinter steckt und ändern ihr eigenes Verhalten. So wird der Konflikt gelöst, der Schmerz des Kindes nimmt ab oder verschwindet ganz.
  1. Die Erwachsenen hinterfragen nicht. Dann wird sich das Signal vermutlich verstärken und wird irgendwann zum Symptom, z.B. in Form psychosomatischer Beschwerden wie Bauchweh, Kopfschmerzen oder in Form gewalttätigen oder destruktiven Verhaltens usw.

Mit dem Symptom versucht das Kind deutlich zu machen, dass es augenblicklich nicht weiß, wie es mit dem Schmerz umgehen soll, dass es den inneren Konflikt (Kooperation mit Eltern – eigene Integrität) nicht lösen kann und Hilfe braucht.

„Die Aufgabe der Umgebung ist nicht, das Kind zu formen, sondern ihm zu erlauben, sich zu offenbaren.“

Maria Montessori

Fazit

Es ist egal ob dein Kind sich positiv oder negativ verhält. Sein Verhalten ist für die Entwicklung der Eltern bzw. Erwachsenen genauso wichtig wie das Verhalten von Eltern bzw. Erwachsenen für die Entwicklung des Kindes.

Das Zusammenleben mit Kindern, die Begleitung beim Heranwachsen und Selbstständigwerden ist eine ständige Wechselwirkung zwischen Kind und Erwachsenem und ein großartiger Lernprozess für beide Seiten.

Je besser es gelingt die Kinder als gleichwertig anzusehen und ihnen auf Augenhöhe zu begegnen, desto besser werden beide Seiten voneinander profitieren.

Mir ist klar, dass viele Eltern die Integrität ihres Kindes gar nicht mit böser Absicht verletzen, sondern einfach nur deshalb, weil sie selbst so erzogen wurden und dies automatisch jetzt ebenso handhaben wie ihre Eltern (mit denen sie ja selbst als Kind kooperiert haben).

Ich wünsche mir aber (und weiß, dass dies schon häufig der Fall ist), dass immer mehr Eltern ihr Erzieherverhalten hinterfragen, sich weniger nach Gleichmachung und allgemeinen Erziehungsprinzipien richten, sondern wieder mehr auf ihre Intuition hören.

Gerade im Umgang mit Kindern kann man ganz einfach feststellen, ob man im Begriff ist die Integrität des Kindes zu verletzen oder nicht. Frag dich einfach, ob du mit derselben Tonlage, derselben Wortwahl und demselben Gesichtsausdruck (den aktuellen Konflikt bzw. das aktuelle Problem) auch mit deiner Freundin besprechen würdest. Wenn nicht, dann solltest du es auch nicht mit deinem Kind tun.

Integrität

Ich hoffe ich konnte dir mit diesem Text eine verständliche Erklärung dafür geben, was Integrität bedeutet, wie sie oft verletzt wird und warum ihre Wahrung so wichtig ist. Schreib mir doch gerne in einem Kommentar deine Erfahrungen dazu.

Liebe Grüße

PS:
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 vgl. hierzu: Jesper Juul "Das kompetente Kind" *und Dreikurs und Soltz "Kinder fordern uns heraus"*

Über den Autor

 

Stefanie Wenzlick ist Diplom-Pädagogin (Univ.), Medienpädagogin und selbst Mama von 3 Kindern. Auf ihrem Blog gibt sie praktische Tipps und Anregungen rund um ein entspanntes Familienleben, Erziehungstipps, Kreatives, Shoppingtipps und Episoden aus dem Alltag mit 3 Kindern.

Nachdem sie über 10 Jahre lang Familien und Mütter vor Ort beraten und begleitet hat, ist sie nun auch online als Mamacoach und Erziehungsberaterin tätig. Sie unterstützt Frauen dabei entspannt und mit Leichtigkeit ihren vielen Rollen (Mutter, Partnerin, Freundin, Arbeitnehmerin etc.) gerecht zu werden, sich selbst nicht aus den Augen zu verlieren und trotzdem eine gute Beziehung zu ihren Kindern aufzubauen.
Mehr dazu unter www.emmali-coaching.de

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Integrität des Kindes – darum ist es so wichtig sie zu wahren
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8 Gedanken zu „Integrität des Kindes – darum ist es so wichtig sie zu wahren

  • März 6, 2017 um 7:48 am
    Permalink

    Vielen Dank für dieses Thema! Das Wahrnehmen des Kindes als eigenständige Persönlichkeit ist für seine Entwicklung unerlässlich und kann nicht oft genug betont werden!

    http://www.erziehungsgedanken.com

    Antworten
    • März 6, 2017 um 7:59 am
      Permalink

      Sehr gerne, und ich freu mich, dass andere es auch als so wichtig empfinden.

      Antworten
  • März 10, 2017 um 7:52 pm
    Permalink

    Toller Bericht Steffi 🖒 hab mich mit dem Thema bisher noch nie so wirklich auseinander gesetzt… aber dein ausführlicher Bericht hat mich jetzt echt mal zum nachdenken darüber gebracht. Toll ☺

    Antworten
    • März 13, 2017 um 6:16 am
      Permalink

      Hallo Katharina,
      ich freu mich, dass dich der Artikel zum Nachdenken anregt…alles Gute für dich und deine Familie weiterhin.
      LG
      Steffi

      Antworten
  • Mai 20, 2017 um 5:22 am
    Permalink

    Liebe Steffi, Danke für die verständliche Erklärung. Ich bin selbst ein Kind gewesen dessen Integrität über 37 Jahre verletzt wurde. Nun habe ich seit 2 Jahren selbst eine wundervolle, starke und noch selbstbewusste Tochter. Dein Beitrag hilft mir, meine psychische Erkrankung zu verstehen und mein Kind nicht auch in solche Erkrankung zu stoßen.

    Antworten
    • Mai 21, 2017 um 11:02 am
      Permalink

      Hallo Ulrike,
      es freut mich sehr, wenn mein Artikel dich motiviert und dir hilft. Ich wünsche dir und deiner Tochter alles erdenklich Gute. Liebe Grüße, Steffi

      Antworten
  • August 31, 2017 um 7:01 pm
    Permalink

    Vielen Dank für diesen Beitrag. Ich merke immer wieder, dass ich die Integrität meiner Kinder verletze ohne es zu wollen. Es tut mir hinterher immer so leid, meistens bin ich gestresst oder müde oder einfach ungeduldig. Wenn ich mit meiner Tochter schimpfe, merke ich wie sehr ich sie damit verletze. Ich werde diesen Artikel immer wieder durchlesen und mir vor Augen halten das ich an mir arbeiten muss.

    Antworten
    • September 1, 2017 um 6:26 am
      Permalink

      Hallo Katharina,
      so ähnlich geht es sicher vielen Müttern. Das Bewusstmachen ist schon ein erster großer Schritt und wenn du dich immer wieder daran erinnerst wird es sicher nach und nach besser werden.
      Alles Gute, Steffi

      Antworten

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